Montag, 13. April 2015

Bergman Reihe : Aus dem Leben der Marionetten


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Der Geschäftsmann Peter Egerman (Robert Atzorn) ermordet die junge Prostituierte Katharina Krafft (Rita Russek) und vergeht sich an ihrer Leiche. In Rückblenden und Vernehmungsprotokollen mit Freunden und Angehörigen wird untersucht wie es dazu kam, was für Motive er gehabt und was für ein Mensch er war. Peter ist erfolgreicher Geschäftsmann in München, verheiratet mit einer ebenso erfolgreichen Frau, die genauso wie sein Opfer, Katharina heißt und in der Modebranche mit dem homosexuellen Walter Schmidinger, genannt Tim, zusammenarbeitet. Ihre Ehe ist desolat und von Kompromissen geprägt. Beide scheinen sich immerzu aus dem Weg zu gehen. Zu Beginn gesteht Peter seinem Psychiater (Martin Benrath) er verspüre Mordgelüste seiner Frau gegenüber. Dieser versucht ihm die Phantasien auszureden. Als Peter im Gehen begriffen ist, belauscht er ein Gespräch zwischen seiner Frau und dem Psychiater, die offensichtlich eine Affäre haben. Von Tim erhält Peter die Adresse der Prostituierten Katharina, genannt Ka.
Die letzten Szenen zeigen die Analyse des Psychiaters, der Peters unterdrückte Triebe für die Tat verantwortlich macht und Peter in seiner Zelle, der vollkommen in sich zurückgezogen lebt.


Aus dem Leben der Marionetten ist eine deutsch-österreichischer Film, den das ZDF für die Reihe "Das kleine Fernsehspiel" produziert hat. Die Schauspieler stammen hier wieder vorwiegend aus seiner Theatertruppe vom Münchner Residenztheater. Für Robert Atzorn war dies übrigens auch sein Spielfilm Debut.


Bevor man überhaupt auf die Figuren und das Thema des Films kommt, bemerkt man vor allem eins, daß dieser Film in seiner gesamten Ästhetik nicht nur wunderschön gefilmt ist, er erinnert in seiner überbelichteten Schwarz/Weiß Stilisierung sehr an Bergmans Phase der 60er Jahre. Ganz besonders an Persona. Überhaupt könnte man fast meinen dies sei ein typischer schwedischer Bergman Film. Man hat hier zwar nicht die typischen Bergman Schauspieler aber die Inszenierung der Gesichter, der Dialoge sind äußerst konzentriert. Ein kleiner Bergman, der hier sein deutsches Theaterensemble zu großartigen Leistungen brachte.
Interessant ist ersteinmal die Tatsache, dass Bergman hier, nach eigenen Aussagen, die Geschichte des Ehepaars Katharina und Peter aus Szenen einer Ehe verfilmen wollte, dort dargestellt von Bibi Andersson und Jan Malmsjö. Was wir hier allerdings sehen ist kein Film über eine Ehe sondern der eines Zustands, was ihn eher in die Nähe eines Films wie Das Schweigen rückt. Die Welt, die Bergman hier zeigt ist grau, weiß und leblos. Die Personen die in ihr Gefangen sind ebenso. Sie existieren aber leben nicht, so als ob sie in einem Programm gefangen wären aus dem sie nicht ausbrechen können.
Der schwule Tim, der mit Katharina in der Modebranche zusammenarbeitet und schon länger mit ihr befreundet, ist die einzige Person, die mit sich hadert und reflektiert. In einer Szene wird dies zusätzlich noch durch einen Spiegel symbolisiert in dem er seine Vergangenheit mit der Gegenwart konfrontiert und von seinen Gefühlen erzählt. Während Katharina vollkommen abwesend ist, überschreitet Tim hier eine Grenze, zu der die anderen keinen Zugang haben, da sie nicht fähig und zu ermattet sind.
Aber auch Tim ist ein Gefangener seiner Selbst. Im Gegensatz zu den anderen hat er allerdings ein Bewußtsein und weiß wie es sich anfühlt zu leben. Als Tim Katharina seine Hand gibt und sie fragt :"Spürst du das?" antwortet sie :"Ja, aber ich spüre nicht, das du es bist." Tim spricht mit einer Toten, die sich aus Angst vor dem Leben in ständiger alkoholischer Betäubung befindet.
Diese Angst sitzt auch bei Peter tief, so tief das eine Analyse für die Ursachen dieser Angst vollkommen zwecklos ist. Die angebliche Hilfe des Psychiaters ist von oberlächlichem Zynismus und phrasenartigen Diagnosen geprägt.
Peter und Katharina sowie alle anderen bewegen sich wie leblose Körper innerhalb ihrer abgesteckten Grenzen, ihrer Möglichkeit beraubt dies auf impulsive Art zu ändern, ohne jegliches Bewußtsein ohne wirkliche Verbundenheit ohne Vergangenheitsgefühl.
Dieser Zustand ist es der stark an die 60er Phase erinnert.


Was die Vergangenheit von Peter Egerman angeht so zeigt uns der Film in seinem mosaikartigen Aufbau innerhalb der rückblickenden Interviews und Vernehmungsprotokolle eine Vergangenheit die durch den Aufbau des Films als bruchstückhaft dargestellt wird.
Eklatant die letzte Szene des Films in der Peter Egermann vollkommen in sich zurückgezogen in seiner Zelle gezeigt wird und sich bei ihm in Form eines Teddybärs vorsichtig die Reflexion seiner Kindheit zeigt. Als nicht mehr funktionierende Marionette ist diese von der Gesellschaft als gestört bezeichnete Form des Daseins aber auch nur eine Weiterführung seines bisherigen leeren und ebenso gestörten Lebens als Geschäftsmann. Peter Egermann hat nachwievor keine Kontrolle über sich.
Die Vergangenheit ergibt bei Bergman immer im Zusammenhang mit dem Unterbewußten den Lebensstrang der sich im Hier und Jetzt bildet. In einer Schlüsselszene des Films (siehe Screen Shot oben) sieht man innerhalb einer der zwei Traumszenen des Films Peter und Katharina aus der Vogelperspektive wie Marionetten hilf und leblos nebeneinander liegen.


Weiß ist das Nichts. Form und Inhalt decken sich zu 100%.
Interessant ist hierbei die Wahl der Farbe zu Anfang und zum Ende des Films, welche laut Anekdoten eher zufällig gewählt wurde, da Bergman den Film komplett in s/w drehen wollte aber vom ZDF angehalten wurde, das dies die Zuschauer an den Geräten verschrecken würde. Man könnte ja annehmen das TV-Gerät sei kaputt.
Die Farbe kommt am Anfang und Ende zum Einsatz als Peter die Prostituierte Ka tötet. Ein Impuls, der innerhalb der Traumszene von seinem Unterbewußtsein ausgelöst wird und sich in der Realität im Gegenstück von Katharina kanalisiert. Ka ist die einzige die in dieser Welt normal ist, die gesund ist in ihrem Empfinden und in ihrem Bewußtsein. Das komplette Gegenteil zu allen Figuren des Films. Ein Geniestreich diesen Ausbruch wiederum als Gegenteil zum leblosen s/w zu drehen.


Aus dem Leben der Marionetten besitzt zwar nicht die Wucht und auch nicht die surreale Sprengkraft der 60er Jahre Filme, die Themen im Zusammenspiel mit der Ästhetik machen aus ihm allerdings eine kleine Perle. Eine wahre Entdeckung.


8/10

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